Leo Tolstoi: Der Große Bär
Vor langen, langen Jahren war einmal eine große Trockenheit auf Erden: Alle Flüsse, alle Bäche und Brunnen waren versiegt, alle Bäume, Sträucher und Gräser vertrocknet, und Menschen und Tiere kamen vor Durst um.
Da ging eines Nachts ein kleines Mädchen von daheim fort mit einem Krug in der Hand, um Wasser für die kranke Mutter zu suchen. Das Mädchen fand nir-gends Wasser und legte sich vor Müdigkeit im Feld auf das Gras und schlief ein. Als es erwachte und nach dem Krug griff, hätte es beinahe das Wasser verschüttet. Der Krug war nämlich voll frischen, klaren Wassers. Das Mädchen freute sich und wollte trinken, aber da fiel ihm ein, daß es dann für die Mutter nicht reichen würde, und es lief mit dem Krug nach Hause. Es hatte es damit so eilig, daß es gar nicht ein Hündchen vor seinen Füßen bemerkte, stolperte und den Krug fallen ließ. Das Hündchen winselte kläglich. Das Mädchen langte nach dem Krug. Es dachte, nun habe es das Wasser verschüttet. Aber nein! Der Krug stand aufrecht auf dem Boden, und nicht ein Tropfen fehlte. Da goß sich das Mädchen ein wenig Wasser in die hohle Hand, und das Hündchen leckte es auf und wurde wieder ganz lustig. Das Mädchen aber langte wieder nach dem Krug, aber siehe: Da war er nicht mehr aus Holz, sondern aus Silber.
Das Mädchen lief mit dem Krug nach Hause und gab ihn der Mutter. Die aber sprach: „Ich muß ohnehin sterben, trink du lieber das Wasser! „ Und sie gab den Krug dem Mädchen. Im selben Augenblick aber verwandelte sich der sil-berne Krug in einen goldenen.
Da konnte das Mädchen nicht länger widerstehen und wollte den Krug an seine Lippen setzen, als ein Wanderer ins Zimmer trat und um einen Schluck Wasser bat. Das Mädchen schluckte den Speichel hinunter und reichte dem Wanderer den Krug. Und da: Plötzlich erschienen auf dem Krug sieben riesengroße Dia-manten, und aus jedem floß ein großer Strahl frischen, klaren Wassers.
Die sieben Diamanten stiegen höher und stiegen zum Himmel empor und wurden der Große Bär.



Aus: Mein Buch der Gutenachtgeschichten, Hrsg. von Sabine Scheuler, Ravensburger Buchverlag 1996